Schule – Unterstufe
Tafelbild 1. Klasse: Linn Thierfeldt
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Foto: Ildikó Dietrich-Woitge
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Unterstufe
1.–3. Schuljahr: Ein erster Blick nach draußen
In der ersten und zweiten Klasse ist der*die Klassenlehrer*in nicht nur Lehrer*in, sondern auch eine wichtige Bezugsperson außerhalb der bisher gewohnten Familie. Deshalb bleiben die Klassenlehrer*innen während der gesamten täglichen Schulzeit bei ihrer Klasse und unterrichten auch möglichst viele Fächer selbst.
Unser zentrales Anliegen in dieser Zeit ist es, die Kinder dabei zu unterstützen, Denken und wollen in eine harmonische Verbindung zu bringen. Dazu gehen wir verschiedene Wege: Beim Formenzeichnen etwa wird durch die Bewegung die Qualität einer Form erlebbar – und leitet direkt über zum Schreibenlernen. Im Deutschunterricht gehen wir über Laute, Reime und Rhythmen sowie Bilder und Geschichten – zunächst an die Entwicklung der Buchstaben und dann weiter zum Schreiben in Druckschrift. Mit der Einführung der Schreibschrift in der dritten Klasse werden auch erste grammatische Elemente wie Satz- und Wortarten betrachtet.
Schon von der ersten Klasse an geht der Blick jedoch über den Horizont des Deutschen: Englisch und Russisch werden eingeführt – indem gesungen, nachgesprochen und Geschichten gehört werden. So erhalten die Kinder einen ersten Zugang zur Welt. Das Erzählen behält seinen festen Platz im Schultag: Während die ErstklässlerInnen in den Bildern der Märchenwelten leben, hören die Kinder in der 2. Klasse Fabeln und Legenden. In der 3. Klasse geht es um Geschichten aus dem Alten Testaments und der Genesis.
Für die Erdung und praktische Herausforderung sorgen neben viel Bewegung – unter anderem durch das Konzept des bewegten Klassenzimmers – Acker- und Hausbau: Die Kinder beschäftigen sich mit Handwerksberufen wie Schmied und Bäcker, auf dem Schulgelände entsteht im Laufe des Schuljahres ein eigener kleiner Bau.
Der Unterricht wird in dem Maße anspruchsvoller, wie sich die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder entwickeln. So werden in der 3. Klasse die vier Grundrechenarten erlernt, das 1×1 geübt sowie Kopfrechnen. Mit Wasserfarben werden verschiedene Farbqualitäten der Grundfarben erlebt, musikalisch kommen Harfe, Flöte und vor allem die eigene Stimme zum Einsatz. Die Eurythmie bringt derweil den Klang der Sprache und der Musik in bewegten Formen im Raum zum Ausdruck und schult zudem die Orientierung im Raum. Die Feinmotorik fördert der Handarbeitsunterricht, in dem die Kinder zum Beispiel eine eigene Mütze herstellen.
4.–6. Schuljahr: Mehr Können, mehr Wollen
Mit nunmehr etwa zehn Jahren haben die Kinder eine gefestigte emotionale, aber auch starke kognitive Beziehung zu ihrer Umwelt. Deshalb stehen im Sprachunterricht beispielsweise Aktiv und Passiv sowie direkte und indirekte Rede auf dem Plan – in der 6. Klasse ergänzt durch den Konjunktiv. In der Mathematik steht zunächst das Bruchrechnen, dann das geometrische Zeichen an. In der künstlerischen Ausbildung folgt dem Aquarellieren das Kohlezeichnen als Auseinandersetzung mit Licht und Schatten.
Erweitert wird der Blickwinkel auch in der Geografie, wo in der 5. Klasse (Link zum Text) nun Deutschland als Ganzes und seine Lage in Bezug auf die umliegenden Länder thematisiert wird. In der 6. Klasse bildet Gesteinskunde einen Schwerpunkt – oft mit einer Reise in den Harz oder ins Elbsandsteingebirge verbunden. Im Geschichtsunterricht geht der Blick ebenfalls aus Deutschland hinaus zur altindischen, altpersischen, mesopotamischen, ägyptischen und griechischen Geschichte. In der 6. Klasse folgen in der Chronologie Richtung Neuzeit die Römer und das Mittelalter.
Erstmals mit physikalischen Grundphänomenen aus Akustik, Optik, Wärmelehre, Magnetismus, statischer Elektrizität beschäftigen sich die Kinder in der 6. Klasse. Komplexer wird es auch bei Handarbeit und Werken: Mit fünf Nadeln parallel stricken die Kinder Handschuhe und Socken, sie nähen Stofftiere und bearbeiten Holz.
Einen ersten Höhepunkt ihrer Schullaufbahn erleben die Kinder mit dem auf Russisch aufgeführten 6.-Klass-Spiel – zugleich der Abschluss des Russisch-Unterrichts.
5. Klasse: Wo ist mein Platz?
Hallo, Welt, hier bin ich! Nachdem die Kinder zunächst vor allem in sich gewachsen sind, wachsen sie jetzt über sich hinaus: Sie möchten die Welt um sich herum durchdringen, sich mit ihr verbinden, die Schönheit der Welt erkunden und Verantwortung in ihr übernehmen.
Leistungsfähigkeit will gefordert werden
„Neben der seelischen Entwicklung ist in den Kindern in den Jahren zuvor die kognitive Leistungsfähigkeit gewachsen. Entsprechend zeigen sie mehr und mehr ihren eigenen Willen“, sagt Andrea Pape, Klassenlehrerin der 5. Klasse. Ihr zur Seite steht eine zweite Lehrerin, sodass die Kinder zwei Ansprechpartnerinnen haben. Die sollen jetzt eigentlich gesiezt werden, doch verbindlich eingefordert von den Kindern wird das noch nicht.
Die neuen Rahmenbedingungen erfordern einen anderen Unterricht: „Ich muss meinen Unterricht differenzierter gestalten – mit dem Blick nach draußen. Ich muss die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder ergreifen und ausbauen, ihnen die Möglichkeit geben, zu zeigen, was sie können. Auch deshalb wird jetzt mehr in Gruppen gearbeitet. Ein weiterer Grund für die Gruppenarbeit: „Hier lernen sie mit anderen zu lernen, bauen ihre sozialen Kompetenzen auf und erkennen, wo sie stehen, wo ihre Freunde sind, welche Veränderungen es im sozialen Kontext gegeben hat.
Das Herz braucht weiterhin Ansprache
Geist und Seele werden also weiterhin gemeinsam angesprochen – nur in einem veränderten Verhältnis. Das zeigt der Einblick in die einzelnen Unterrichtsschwerpunkte: In der Heimatkunde etwa ging es bislang um die engste Umgebung. Nun geht der Blick nach ganz Deutschland mit den verschiedenen Landschaften, den Kulturräumen und ihren Ursprüngen: „Hier beschäftigen wir uns zum Beispiel damit, wie sich die Menschen, Tier und Pflanzen mit ihrer jeweiligen Umgebung angefreundet haben und wie sie dadurch geprägt sind. Die Kinder sollen den Raum, in dem sie leben, besser verstehen,“ so Andrea Pape.
Geschichtsunterricht ist jetzt kein vermittelndes Erzählen mehr, sondern beginnt in der Urzeit und durchläuft die einzelnen Epochen – Göttersagen einschließlich. Ähnlich beim Formenzeichnen: Die bisher eher grafisch-künstlerische Annäherung geht über in die Geometrie. „Es geht jetzt darum, die Gesetzmäßigkeiten hinter den Formen zu verstehen. Wir legen Tangenten an, messen Winkel – versuchen also, die Formen zu durchdringen.“ Als neue Fächer kommen Gartenbau und Werken dazu. Und erstmals wird auch Sexualkunde unterrichtet – auch das noch spielerisch, zum Beispiel anhand von Comics im Deutschunterricht.
Auch wenn die Aufgabenstellungen komplexer werden – die Ansprache des Herzens darf nicht auf der Strecke bleiben. Ausflüge, Waldtage oder auch die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in der zweiten Hälfte des Schuljahres sprechen die Kinder in ihrem ganzen Wesen an.
Erstmals Entwicklungsgespräche
In der fünften Klasse werden auch die Entwicklungsgespräche mit den Kindern eingeführt. Die Themen der Gespräche drehen sich um ganz unterschiedliche Punkte: Wo möchtest du in dieser Klasse hinkommen? Welche Stärken möchtest du ausbauen? Woran liegt es, dass du immer wieder ohne Hausaufgaben oder zu spät zur Schule kommst? Was fällt dir am 1×1 schwer – und wie können wir dir helfen?
Ein Team von zwei Klassenlehrern
Der Schulhort endet mit dem Abschluss der vierten Klasse. Damit geht auch die langjährige Horterzieherin aus der Klasse. Unser Schulkonzept sieht vor, dass ab der 5. Jahrgangsstufe die Klassenführung von zwei Lehrern durchgeführt wird. Somit haben die Kinder weiterhin zwei besonders für sie zuständige Ansprechpartner.
→ AUS DEM UNTERRICHT
Hier stellen wir Ihnen beispielhaft einige unserer Unterrichtsfächer vor.
Eurythmie
Existenzielle Verbindungen wahrnehmen und herstellen
Wo Waldorf ist, ist Eurythmie nicht weit. Nur hier ist Eurythmie ein fest etabliertes Unterrichtsfach. Auch in Potsdam steht es auf dem Lehrplan, in der Oberstufe im Wahlpflichtbereich. Doch was genau ist Eurythmie
Sprechen und Singen für die Augen
Wörtlich bedeutet der Begriff in etwa „schöner oder wahrer Rhythmus“. Als Definition taugt die Übersetzung allerdings nicht. „Eurythmie ist sichtbare Sprache bzw. sichtbarer Gesang. Eurythmie macht eine urmenschliche Fähigkeit sichtbar“, sagt Ariane Soyka, Eurythmistin an der Waldorfschule Potsdam. Ganz kurz geht es um die drei K: Kooperation (mit anderen), Konzentration (auf sich selbst) und Koordination (Wahrnehmung und Abstimmung im Raum).
Eurythmie macht den Körper zum Wahrnehmungsorgan und Instrument des Ausdrucks. „Die Gesten der Hände, und die Bewegungen der Füße lassen den Körper sprechen“, so Ariane Soyka. Wehende Gewänder und Schleier machen zudem den Luftraum sichtbar. Ihre Farben stellen Bezüge zwischen den Personen und Figuren her.
Verbindung zu sich und der Umwelt
Für die Kinder ist Eurythmie weit mehr als ein zusätzlicher Kommunikationskanal: Die Kinder sind in diesem Alter noch nicht vollständig mit ihrem Körper verbunden. Eurythmie steigert Wachheit und Geschicklichkeit, fördert die Verbindung zu sich selbst ebenso wie zu Raum, Gemeinschaft und dem direkten Nachbarn. „Die gegenseitige Wahrnehmung erfolgt ohne Sprache und ohne Konkurrenz. Sie passiert in der Gemeinsamkeit.“
Die Individualisierung tritt auch durch die Gewänder hinter der Gemeinschaft zurück. Dieser Aspekt sei für Jungen schwieriger, weil sie sich in dieser Zeit häufig in Konkurrenz zueinander befinden.
Begegnung auf einer anderen Ebene
Immer wieder erstaunt es die Kinder, wie anders es ist, einen Menschen wahrzunehmen, ohne mit ihm zu sprechen. Wenn sich Musik und Sprache im eigenen Sein finden – wenn sie also beispielsweise nicht nur „Baum“ hören, sondern Baum werden, dann erlebt Ariane Soyka bei den Kindern eine große Zufriedenheit.
Empathie und Vertrauen
Eurythmie ist ein Geben und Nehmen – aber weit mehr als Hand auf, Hand zu: „Wenn beispielsweise eine Kugel von einer Person zur nächsten weitergereicht wird, braucht es das Vertrauen in die nächste Person, dass sie ihre Hand zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle öffnet, um die Kugel anzunehmen – ebenso wie sie Vertrauen in mich haben muss. Eurythmie erfordert außerdem Empathie, um sich in ein Reh, einen Ochsen, einen durch die Welt rollenden Pfannkuchen hineinzufühlen und erst recht, um sich selbst liebevoll mit seinem Körper und mit der Erde zu verbinden.
Individuelle Freude an der gemeinsamen Arbeit
Das Ziel eurythmischer Projekte ist die Aufführung. Vorgestellt wird also eine Gemeinschaftsleistung, zu der alle Beteiligten ihr Bestes beitragen müssen: „Soll eine eurythmische Arbeit gelingen – etwa komplexe Raumformen – bedeutet das: Wir als Gruppe kriegen das hin, und das gelingt nur, wenn jeder Einzelne voll dabei ist.“, sagt Ariane Soyka.
Für jedes Alter interessant
Um als Kind voll dabei zu sein, braucht es kindgerechte Inhalte – Geschichten, die Kinder bewegen, die relevant für sie sind und an denen sie Freude haben. Ein Kinderthema ist Eurythmie nach Ansicht von Ariane Soyka allerdings ganz und gar nicht: Sie selbst hat Eurythmie erstmals mit 18 Jahren erlebt. „Die Welt der Eurythmie ist unfassbar komplex, sodass sich die Faszination für Eurythmie in jedem Alter entzünden kann. In meinen Elternkursen beispielsweise machen wir Übungen, die sich in die verschiedenen Lebensbereiche auffächern.“
Gartenbau
Verliebt in die Welt
„Sehr gerne würde ich es schaffen, dass Kinder und Jugendliche sich in diese Welt verlieben“, sagt die Gartenbaulehrerin Franziska Hoehl, so wie es Godi Keller über Lernbegleiter*innen‘ bei einem Vortrag zum Lernen an der Waldorfschule vor einigen Jahren formulierte und ausführte.
Verbundenheit mit der Natur als Kraftquelle
Die studierte Biologin und Geoökologin weiß nicht nur fachlich, wovon sie spricht: Die heute 47-Jährige ist zum einen selbst auf einem Hof mit viel Gartenland in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und hat diese Verbundenheit zur Natur schon bei der Mitarbeit auf dem elterlichen Hof erfahren. Immer wieder unterstützte und arbeitete sie in verschiedenen Gärten und auf Höfen. „Viel Kraft und Zufriedenheit lässt sich aus dieser Verbundenheit schöpfen“ sagt die auch als Kräuterpädagogin und Naturbegleiterin ausgebildete Franziska Hoehl. Seit knapp 20 Jahren gärtnert sie nun im eigenen Garten. „Mein Leitbild ist dabei ein reicher, naturnaher Garten mit heimischem Wildwuchs, großer Vielfalt und Raum für ökologisches, nachhaltiges sowie klimaangepasstes Gärtnern.“
„Der Gartenbauunterricht“, sagt Franziska Hoehl, „sensibilisiert die Kinder und Jugendlichen für einen achtsamen und verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur. Er schult den Blick fürs Detail und weckt die Neugier, sich mit natürlichen Lebenskreisläufen und Umweltzusammenhängen zu beschäftigen – etwa mit dem Aufblühen und Vergehen im Jahresverlauf, mit dem Anbau von Gemüse und Obst sowie der Vielfalt an nutzbaren (Wild-)Blumen und Kräutern. Nicht zuletzt unterstützt dieses Unterrichtsfach, dass die Kinder eine Beziehung zu allem Lebendigen im heimischen Garten aufbauen können.“
Sinnliche und körperliche Verortung
Die Kinder können sich über den Gartenbau auf ihrem Weg in die Welt körperlich und sinnlich in dieser Welt verorten und gleichzeitig Grundkompetenzen erwerben. Die gärtnerischen Aufgaben bieten dabei nicht nur eine große Vielfalt, sondern auch die unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade: „Wie beiläufig erproben und üben die Kinder Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen, Ausdauer, Willenskraft, Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein, Mut und soziales Miteinander. Den Bedürfnissen und den Altersstufen entsprechend finden sich immer passende Aufgaben und Arbeiten.“ Verständlich, dass Franziska Hoehl mit dem Gartenbauunterricht am liebsten mit der dritten Klasse beginnen würde. Hier gibt es zwar mit der Ackerbauepoche ‚Vom Korn zum Brot‘ einen Einstieg – der aber nicht weitergeführt wird.
Doch auch für die älteren Kinder ist das Fach essenziell: In einer Zeit zunehmender Entfremdung von der Natur sowie einer Überflutung von Reizen in einer immer schnelleren und digitaleren Umwelt gibt der Gartenbauunterricht den Kindern und Jugendlichen aus Sicht von Franziska Hoehl die Chance zum Aus- und Durchatmen.
Verbindung aus Gärtnerei und Pädagogik
Seit 2023 ist Franziska Hoehl als Gartenbaulehrerin an der Waldorfschule Potsdam tätig. „Anders als an den staatlichen Schulen hat das Fach Gartenbau an der Waldorfschule Potsdam einen festen Platz im Schulalltag und Lehrplan. Es gibt einen großen Garten auf dem Schulgelände und eine wunderbare Ausstattung von den Geräten über Materialien, bis zu einem kleinen Häuschen, wo wir unsere Ernte direkt verarbeiten können. Ich kann also meine Leidenschaft fürs Gärtnern und mein Interesse an Garten- und Naturthemen mit dem Wunsch Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu begleiten, wunderbar kombinieren – und das über einen relativ langen Zeitraum.“ Zwar habe man mittlerweile erkannt, wie wichtig und bedeutsam der Garten als Lernraum sei bzw. sein könne, aber: „Den staatlichen Schulen fehlt es meist an Fläche, festen Zeiten und Kapazitäten für eine kontinuierliche Begleitung. Häufig sind es nur Projekte für einen kurzen Zeitraum.“
Wertschätzung für Lebensmittel
Die Kinder und Jugendlichen nehmen von ihrem Unterricht ganz verschiedene Dinge mit, so Franziska Hoehl: „Viele erleben sich als wirksam, bei wieder anderen wird hier das Interesse am Gärtnern und späteren Kochen und Backen geweckt, und manche sind nach dem Unterricht einfach entspannter, haben ‚ausgeatmet‘.“ Eine wichtige Erfahrung ist der für viele Schülerinnen und Schüler verblüffend lange und aufwändige Prozess von der Saat über Wachstum und Reife bis zur Ernte.
Einen Wendepunkt markiert hier insbesondere das Landwirtschaftspraktikum in der 9. Klasse: Die Schülerinnen und Schüler kehren meist mit einer spürbar gewachsenen Wertschätzung für Obst, Gemüse und andere Lebensmittel zurück. In diesen drei Wochen helfen sie in der Landwirtschaft, beim Gemüseanbau und beim Vieh, sie erhalten Einblick in die verschiedenen Arbeitsbereiche eines Hofes und werden selbst Teil der Hofgemeinschaft – eine sehr prägende und bedeutsame Zeit für die Jugendlichen.
Sport
Notwendiger Ausgleich und natürlicher Antrieb
„Sport ist sehr wichtig, um ein Gegengewicht zu den kognitiven Anforderungen in der Schule zu haben“, sagt Bastian Fenger, Sportlehrer an der Waldorfschule Potsdam. Und weiter: „An dem vom römischen Dichter überlieferten Satz ,In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist‘ ist schon etwas dran.“
Freude am Wettbewerb
Bastian Fenger bekommt tagtäglich mit, wie wichtig Bewegung ist – und wie sehr die Kinder sich auch bewegen wollen: „In einer 4. Klasse gab es einmal einen Jungen, der gar nicht mehr aufhören wollte zu rennen. Er lief so lange, bis er nicht mehr konnte.“ Sport bietet Wettbewerb und fördert die Wettbewerbsfähigkeit: „Viele, wenn auch natürlich nicht alle Jugendlichen lechzen nach Vergleich.“
Olympische Spiele
Los geht es allerdings sehr behutsam: In der Unterstufe führt Bastian Fenger die Kinder spielerisch an den Sport heran: Beim Springen, Laufen, Werfen lernen sie schrittweise mehr und mehr Sportarten kennen. In der 5. Klasse nehmen sie dann an einem olympischen Fünfkampf mit anderen Waldorfschulen teil – regelmäßig ein Höhepunkt. Stattfinden können diese Olympischen Spiele auch außerhalb Berlins: „2025 geht es beispielsweise nach Bayern, vor einigen Jahren waren wir sogar schon einmal in England“, sagt Fenger. Besonders am Herzen liegen ihm die großen Ballsportarten: Basketball, Handball, Volleyball.
Der in direkter Nachbarschaft zur Schule aufgewachsene Bastian Fenger bringt eine lange sportliche Erfahrung mit. Ursprünglich aus der Leichtathletik kommend übernahm er bereits mit 14 Jahren seine erste eigene Trainingsgruppe beim SC Potsdam. Gleichzeitig war Basketball stets seine große Leidenschaft. Nachdem er seine aktive Zeit in der Leichtathletik beendet hatte, widmete er sich ganz dem Basketball und wechselte als Trainer zum USV Potsdam Basketball, wo er bis heute Teil des Trainerstabs ist. „Unsere Familie ist dem Sport vollkommen verschrieben“, erzählt der frischgebackene Fünfziger. „Meine Frau war selbst Leichtathletin, mein Sohn spielt in der U16-Nationalmannschaft und meine Tochter in Potsdam – natürlich Basketball.“
Ein freundliches Miteinander
Warum Waldorf? „Die Herangehensweise ist hier anders. Es ist ein ruhiges Miteinander. Statt angeschrien zu werden, können sich die Kinder in Ruhe ausprobieren und Schritt für Schritt ihren eigenen Weg finden“, so Fenger.
Am Anfang war eine Garage
An die Waldorfschule gekommen ist Fenger dann aber doch durch einen Zufall: Es wurde ein Interimslehrer gesucht für ein Dreivierteljahr – damals, als die Waldorfschule Potsdam noch in einer historischen Villa untergebracht war. „Unsere Sporthalle war eine 4×4 m große, mit Parkett ausgelegte Garage. Wann immer wir konnten, sind wir deshalb in den Park Sanssouci gegangen“, erinnert sich Fenger. Als die geplante Zeit vorüber war, wollten die Schülerinnen und Schüler, dass er bleibt. Also absolvierte Bastian Fenger die Ausbildung zum Waldorflehrer.
In der Erich-Weinert-Straße war die Situation anders: Nebenan der Trainingsplatz von Turbine Potsdam und auf dem eigenen Grundstück eine Sporthalle. Die musste jedoch 2015 abgerissen werden. Sportunterricht musste in Schulgebäude, in umliegenden Hallen oder eben auf dem Sportplatz stattfinden – abermals ein Provisorium. Viele lieb gewonnene Traditionen liegen seither auf Eis – etwa das üblicherweise für die 9. Klasse vorgesehene Bodenturnen mit einer abschließenden Kür. Oder auch die nachmittäglichen Sport AGs für Schülerinnen und Schüler, die tiefer in den Sport eintauchen wollen. Daraus kann durchaus mehr werden, wie Fenger mit etwas Stolz erzählt: „Ein Schüler aus der seit 20 Jahren bestehenden Basketball AG ist über Alba in die U20-Nationalmannschaft gelangt und spielt jetzt im College.“
Langes Warten auf die Neue
Bastian Fengers Vorfreude wurde hart auf die Probe gestellt – lange stand sie nämlich fix und fertig da, durfte aber wegen einer fehlenden Brandschutzfreigabe nicht genutzt werden. Mittlerweile ist die neue Sporthalle aber in Betrieb und bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrenden beliebt. Auch Fengers Herzenswunsch wurde umgesetzt: ein separater Raum für Kinder, die sich – aus welchen Gründen auch immer – vor den anderen nicht zeigen möchten. „Diese Kinder können hier Sport für sich machen und ausgehend von einer individuellen Aufgabe in ihre eigene Bewegung kommen.“