
Die 3. Klasse hat ihre Handwerkerbesuche fortgesetzt und war letzte Woche in der Gutenbergstraße beim wohl ältesten werktätigen Herrenschneider Deutschlands und bei einer jüngeren, aber nicht minder erfahrenen Goldschmiedin, deren Schaufensterdekorationen zu den schönsten der Stadt gehören. Wir wurden äußerst freundlich empfangen und bekamen intensive Einblicke in die verschiedenen Arbeitsbereiche beider Berufe. Die Kinder haben diesmal in zwei Gruppen ihre Eindrücke gemeinsam in je einem Text festgehalten, der nur geringfügig von Lehrerhand überarbeitet ist.
(C. Engelke)
„Wir waren bei einem Schneider, der schon seit 64 Jahren als Meister arbeitet und im Sommer 90 Jahre alt wird. Er hat uns erzählt, dass es das Schneiderhandwerk seit der Vertreibung aus dem Paradies gibt, denn jeder Mensch auf Erden muss sich kleiden, damit er vor Kälte und Hitze geschützt ist.
Vorne in seinem Laden hatte er richtig viele Ständer mit unterschiedlichen Schlipsen, Anzügen und Fräcken, einen Schrank mit großen historischen Scheren und eine Bügeleisensammlung. Es gab sogar ein Bügeleisen mit Schornstein und Kohleantrieb. An den Wänden hingen 12 Goldmedaillen, sein Meisterbrief und eine Elle. Im Mittelraum war ein Riesenspiegel und ein Regal mit über 1000 Stoffproben. Viele Stoffe kommen aus England. In der Werkstatt arbeiten drei Leute an alten Nähmaschinen. Der Schneider hat gesagt, dass sie besser zum Nähen sind als neue, weil sie langsamer nähen. Er hat uns auch gezeigt, wie man mit einer Nadel und einem Fingerring näht. Für einen Anzug braucht ein guter Schneider 100 Stunden, für eine Hose 25. Er muss zuerst Maß nehmen und dann gibt es drei Anproben. An seinem Arbeitsplatz hatte er eine beleuchtete Riesenlupe. Hinten in der Werkstatt hat eine Frau die ganze Zeit an einem großen Dampfbügeleisen gebügelt.
Der Schneider sah sehr fein aus und hatte einen Schlips an.
Am Ende durften wir uns alle Süßigkeiten aus einer Schale nehmen.
Über unser Lied, die Karte und die Geschenke hat er sich sehr gefreut.“
„Wir waren in zwei Gruppen in der Goldschmiedewerkstatt.
Die Goldschmiedin hat uns gezeigt, wie man Silber schmilzt. Zuerst hat sie die Gussform mit einer Kerze verrußt, damit sich das Silber später besser löst. Dann hat sie Silberstücke mit einem Gasbrenner in einem Tiegel auf 1000 Grad erhitzt. Als das Silber zu einer rotglühenden Masse zusammengeschmolzen war, hat sie es in die Form gegossen und anschließend die Silberstange in Wasser abgelöscht und gebeizt.
In einer Gruppe haben wir jeder ausprobiert, die Silberstange mit einer Walze dünner zu rollen. Das war sehr anstrengend.
Mit der anderen Gruppe hat die Goldschmiedin aus einer Silberplatte einen Ring gemacht. Dazu hat sie einen Ringdorn und einen Gummihammer benutzt, der mit Sand gefüllt war. Zuletzt hat sie den Ring zusammengelötet.
Wenn man Gold oder Silber zurechtsägt oder feilt, legt man sich ein Leder über die Beine, wo die feinen Späne hineinfallen. Das Leder heißt Fell.
Das Punzzeichen der Goldschmiedin sah so aus: Ô „